(Wie) lässt sich die Wirksamkeit komplexer Interventionen evaluieren?

Die Gesundheitsförderung und Prävention steht zunehmend unter Druck, die Wirksamkeit ihrer Projekte und Programme nachweisen zu müssen. In der einschlägigen Literatur wird derzeit eine engagierte Debatte über Evidenz und die ‚richtige‘ Evaluationsform für Wirkungsbeurteilungen in diesem Handlungsfeld geführt. Randomisierte kontrollierte Studien, welche sich in der evidenzbasierten Medizin als ‚Goldstandard‘ der Wirksamkeitsforschung etabliert haben, werden für die Evaluierung von Interventionen der Gesundheitsförderung und Prävention weitgehend als unangemessen zurückgewiesen, weil sie der Komplexität der Interventionen in den meisten Fällen nicht gerecht würden.

Daraus ergibt sich für die Gesundheitsförderung folgendes ‚Evidenzdilemma‘: obwohl die Gesundheitsförderung ihre Wirksamkeit belegen und evidenzbasiert intervenieren soll, lehnt sie gerade jenen Studientyp als ungeeignet ab, welchem exklusiv zugestanden wird, Wirksamkeit nachweisen zu können. Dieser Umstand hat mich vor Jahren dazu bewogen, mich intensiver mit komplexen Interventionen und deren Evaluation zu beschäftigen. Im Rahmen einer Dissertation am soziologischen Institut der Universität Basel (bei Prof. Dr. Manfred Max Bergman) habe ich mich eingehend mit der Komplexität sozialer Systeme und mit der Wirkungsevaluation komplexer Interventionen beschäftigt:

In der inhaltsanalytischen Untersuchung von Evaluationsberichten aus dem Feld der Gesundheitsförderung und Prävention hat sich sehr schön gezeigt, wie Wirkungen nicht einfach ‚nachgewiesen‘, sondern vielmehr sozial konstruiert werden. Bei der Wirkungskonstruktion hat die Evaluation einen grossen Handlungsspielraum. Sie fällt bei der Eingrenzung, Erfassung und Verarbeitung von Komplexität sowie bei der Wirkungsbeurteilung laufend Entscheide, welche die Wirkungskonstruktion und damit die postulierten Wirkungen beeinflussen. Wirkungsevaluation bewegt sich immer im Spannungsfeld zwischen Einfachheit, die Wichtiges vernachlässigt, und Komplexität, die nicht mehr zu bewältigen ist. In der Arbeit wird dieses Handlungsspektrum detailliert herausgearbeitet und es wird gezeigt, mit welchen Strategien Evaluationen Komplexität einerseits breit erfassen und andererseits stark reduzieren.

Wirkungsnachweise werden in der Evaluationspraxis auch, aber nicht alleine über randomisierte kontrollierte Studien erbracht. Neben kontrafaktischen Vergleichen werden Wirkungsaussagen vor allem mittels detaillierter Rekonstruktion von Wirkungszusammenhängen begründet. Gut gemachte (quasi-) experimentelle Studien können auf einer übergeordneten Ebene wertvolle Hinweise auf das Wirkungspotenzial von Interventionen geben. Da sie allerdings kaum Rückschlüsse auf die Wirkungsrelevanz zielgruppen-, kontext- oder interventionsspezifischer Besonderheiten ermöglichen und keine Erkenntnisse über differenzierte Wirkungsmechanismen und über nicht intendierte Nebenwirkungen liefern, sind sie für fundiertes Entscheiden und Handeln in der Gesundheitsförderung und Prävention nur begrenzt tauglich.     Weiterlesen

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